Presse-Ressort von Sammy

Helmut-Käutner-Preis an Schlingensief

Verfasst von: Martin Brand Donnerstag, 11.03.2010, 13:09 Uhr
Nach der Übergabe des Helmut-Käutner-Preises durch Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) trat er selbst ans Mikro, sagte, dass er bewegt sei, weil die Stadt ihn damit als Künstler würdige, nicht nur als Provokateur. Zudem nutzt Schlingensief seine Rede, um mit Worten für das Überleben des Oberhausener Theaters zu kämpfen. Und sich bei seiner Frau Aino Laberenz zu bedanken, "dass sie mich aushält.".
Kämpfer, Visionär, Idealist

Christoph Schlingensief erhält Käutner-Preis und wird mit Retrospektive im Filmmuseum geehrt

Würdigung seines Engagements für die deutsche Filmkultur - Preis nach dem 1980 gestorbenen Regisseurs Helmut Käutner («Große Freiheit Nr. 7») benannt

(Düsseldorf, 2. März 2010) "Ich freue mich unendlich", sagt der krebskranke Filmemacher Schlingensief (49) am Nachmittag bei der Pressekonferenz und lobt die Verpflegung, die Fürsorge schon am Flughafen, den Festakt, sogar den Füller, mit dem er sich ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hat: "Ein toller Stift. Ich habe noch nie mit einer so flüssigen Bewegung geschrieben."
Der Kämpfer

Dann waren genug der guten Worte. Der "Unruhestifter" des Film- und Opernestablishments und Kämpfer zugleich nahm sich den im Publikum sitzenden Regierungspräsident Jürgen Büssow vor und sagte unverhohlen und direkt zu ihm: "Oberhausen, die Stadt, aus der ich komme, ist kaputt – sie ist voll im Arsch, da kann man den Menschen doch nicht das Allerletzte, ihr Theater, nehmen. Dass das Oberhausener Stadttheater mit auf der Speisekarte der Müllcontainer steht, finde ich unerträglich. Tun Sie alles dafür, dass Peter Carp in Oberhausen noch lange Theater machen kann", sagte er unter Beifall der geladenen Gäste und Medienvertreter.
Überdies trat das wieder ein, was der Filmkritiker Georg Seeßlen zuvor in seiner philosophisch angehauchten Laudatio beschrieben hatte: Schlingensief hatte die Konventionen durchbrochen, "die Ruhe der schweigenden Mehrheit gestört", um gesellschaftlich Stellung zu beziehen – für das Theater, für die Notwendigkeit, Kultur zu fördern, damit sie kein elitäres Gut wird. Oberbürgermeister Dirk Elbers preist in dieselbe Richtung: "Er versorgt uns mit Kunst, die zur Auseinandersetzung drängt und gegen Gleichgültigkeit, Stumpfsinn und träge Unachtsamkeit immunisiert." Schlingensief habe sich "als provokanter Einzelkämpfer auf die Suche nach authentischem Leben als Ausdruck für das eigene künstlerische Schaffen" gemacht.
Stimmen die Worte? "Das war sehr angenehm", sagte der in Oberhausen geborene Schlingensief nach der Preisverleihung. Beide Redner hätten erkannt, dass er nicht nur ein Provokateur sei, sondern "dass meine Bilder vom Jahrmarkt kommen".

Theater- und Filmregisseur Schlingensief selbst habe von den Einrichtungen profitiert, in denen er seine Filme schneiden, von etablierten Regisseuren lernen konnte. Darum engagiere er sich jetzt auch für das Operndorf in Burkina Faso und bat um Spenden.
Eine Werkschau ihm zu Ehren im Düsseldorfer Filmmuseum war das nächst Hightlight. Dort laufen bis Ende April auch noch die wichtigsten seiner Werke, darunter «Tunguska - Die Kisten sind da» und Raritäten aus den Anfängen in Kindertagen; seinen ersten kleinen Film drehte Schlingensief im Alter von acht Jahren, mit zwölf gründete er das "Jugendfilmteam Oberhausen". Diese Filme sind weder im offiziellen Kinoverleih noch auf DVD oder Video erhältlich;
somit bietet die Filmretrospektive eine einzigartige Möglichkeit, Raritäten und Frühwerke des multimedialen Ausnahmetalents zu sehen. Das Spektrum der Werkschau erstreckt sich darüber hinaus über seine gesamte Spielfilmproduktion, die Dokumentationen seiner Theater- und Opernprojekte und der Fernsehformate "Talk 2000"(1997), "Freakstars 3000" (2002) und "Die Piloten" (2007) bis hin zum Portrait "Christoph Schlingensief und seine Filme" (2005).
Was bringt die Gegenwart?

"Der Preis kommt zur richtigen Zeit", sagt Schlingensief. Trotz seiner Lungenkrebserkrankung plant Schlingensief noch in diesem Jahr eine Inszenierung bei der Ruhrtriennale mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle und eine an der Berliner Staatsoper. Zudem würde er gerne einen Film über Joseph Beuys machen. "Im Moment geht es wieder nicht so gut", sagte er auf seine Gesundheit angesprochen, "aber für mich ist es richtig weiterzumachen, damit der dunkle Faktor in meinem Leben nicht zu groß wird."
Der Idealist

Schlingensief erzählt mit Freude im gutgefüllten Kinosaal des Filmmumseums von seinem neuen Projekt, dem "Festspielhaus Afrika" in Burkina Faso. Gut die Hälfte der nötigen zwei Millionen fürs Operndorf-Projekt habe er bereits zusammen und bittet um weitere Spenden. In einem Zentrum, das er für Kinder von fünf bis 18 Jahren plant, soll es Film-, Foto- und Musikklassen geben. Außerdem entsteht ein Haus mit Probebühnen - "aber dort soll kein afrikanisches Bayreuth entstehen", sagt er: "Der Urschrei eines Babys, das kann schöner klingen als Netrebko." Die natürliche afrikanische Kultur sei sein Steckenpferd geworden.
Der Gott der guten Dinge

„Mein letzter Dank gilt Gott“, sagt Christoph Schlingensief, „Gott ist mehr, als wir aus ihm gemacht haben. Er ist grenzenlos.“ Und er fügt hinzu: „Ich bin kein esoterischer, aber ein gläubiger Mensch.“ Zudem gebe ihm die Arbeit Kraft, den Krebs für ein paar Momente zu vergessen. Und trotzdem: Christoph Schlingensief weiß, dass das Abschiednehmen ansteht. "Das wird konkret und hart." Einen Moment des betroffenen Schweigens im Presseraum, und dann ging Schlingensief, begleitet mit seiner zierlich-schöne Frau und Kostümbildnerin Aino Laberenz und den geladenen Gästen und Besuchern im dritten Stock des Filmmuseums zur Studioausstellung, die einen Einblick in das breite Spektrum des künstlerischen Schaffens von Christoph Schlingensief ermöglicht.
Die Ausstellung wird bis zum 23. Mai gezeigt, die Filmreihe läuft bis 30. April 2010

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Spendenquittungen werden ausgestellt

Link:
www.festspielhaus-afrika.com
www.dw-world.de/dw/article/0,,4300689,00.html
www.duesseldorf.de/kultur/filmmuseum
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